Geschichte
Um 1857 konnten die bestehenden Wiener Friedhöfe die Toten nicht mehr aufnehmen. Es stellte sich die Frage, ob mehrere kleine Friedhöfe errichtet oder ein Großfriedhof gebaut werden sollte. Nach längerem Hin- und her entschied man sich für letzteres und die Odyssee, einen geeigneten Platz zu finden, begann.
Nach langem Suchen fand man zwei in Simmering liegende Grundstücke, die gemeinsam für etwa eine Million „Bewohner“ konzipiert waren. Außerdem herrschte eine günstige Windrichtung und der Boden war relativ eben.
Erst 1870 wurde die Ausschreibung für die Gestaltung des Friedhofs vorgenommen. Nicht zu früh, zu der Zeit reichte der Platz etwa nur noch für 40.000 Tote. Ein Jahr später entschied man sich für zwei deutsche Architekten. Da diese oft abwesend waren, verzögerte sich die Fertigstellung des bereits so benötigten Friedhofs enorm.
Ende 1872 musste der St. Marxer Friedhof gesperrt werden und auf den übrigen Friedhöfen der Stadt reichte der freie Raum nur noch bis Ende 1874. Um einen Begräbnisnotstand zu vermeiden, wurde bereits ein Jahr vor der Eröffnung des Zentralfriedhofs die rechts vom Hauptportal gelegene Fläche als provisorischer Friedhof ausgestaltet.
Bis zur Eröffnung brach ein heftiger Streit aus, der das Ganze noch etwas verzögerte. Es ging darum, ob der konfessionslose Zentralfriedhof geweiht werden sollte, oder nicht. Der damalige Bürgermeister gab dazu nur vage Informationen und so wurde das Debakel auf österreichische Weise geklärt: Im Morgengrauen nahm Kardinal Rauscher die Einweihung in aller Stille vor, während auf einem nahe gelegenen Gelände eine Hasenjagd stattfand.
Endlich konnte der Friedhof 1874 eröffnet werden. Doch die Wiener Bevölkerung war nicht von Anfang an begeistert. Kahl und armselig in der Ausgestaltung, war er bevorzugter Tummelplatz von Landstreichern und Tagedieben.
Auch die Beerdigungsprobleme waren keineswegs gelöst. Der erste strenge Winter machte deutlich, wie weit und mühsam der Weg zum neuen Friedhof war. Für die Anrainer in Simmering ergab sich durch die unaufhörlichen Leichenzüge ein deprimierender Anblick … mit den Staatsbahnen waren anfangs auch keine Einigungen zu erzielen. Letztendlich baute man die Simmeringer Pferdebahn aus, die 1901 elektrifiziert wurde und seit 1907 71er heißt.
Die Fertigstellungen der geplanten Bauwerke, des Hauptportals, der beiden Leichenhallen, der Kapelle und der Arkadengrüfte verzögerten sich noch mehrere Jahrzehnte lang.
1881 wurde der Grundstein für die heutigen Ehrengräber gelegt: Nämlich mit der Verordnung zur Errichtung von Grabstätten zur Beerdigung „hervorragender, historisch denkwürdiger Personen“.
Zwischen 1903 und 1911 erlebte der Friedhof unter Bürgermeister Karl Lueger eine Phase der regen Bautätigkeit. 1905 errichtete der Architekt Hegele den Haupteingang (Tor 2). Neben dem Hauptportal wurden die beiden Leichenhallen für Infektiöse (1907) und Nichtinfektiöse (1906) erbaut. Im Jahr 1904 erfolgte überdies die 5. Erweiterung des Friedhofs, wodurch die erworbenen Grundstücke nun allesamt zur Belegung herangezogen worden waren.
Am 11. Mai 1908 erfolgte die Grundsteinlegung zum Kirchenbau durch Bürgermeister Lueger, der ihre Vollendung (1911) jedoch nicht mehr erleben sollte. Der 1910 provisorisch bestattete Lueger wurde schließlich im Unterbau der Kirche beigesetzt, die Kirche zu seinem Angedenken Dr. Karl-Lueger-Gedächtniskirche benannt.
Das Gebäude stellt einen der bedeutendsten Jugendstilbauten Wiens dar. Die Kirche fasst bist zu 1.600 Menschen, ihr Kuppelkreuz befindet sich in einer Höhe von 58,5m über dem Boden. Die Kuppel wird von zwei pylonartigen Türmen flankiert, an ihrer Rückseite befinden sich die Uhr- und Glockentürme, deren Zifferblätter statt Ziffern die Worte TEMPUS FUGIT (Die Zeit flieht) enthalten. Durch die beiden langen Arkaden, die 70 Grüfte und 768 Kolumbarnischen enthalten und deren Abschluss acht flach gewölbte Mausoleen bilden, erzielt die gesamte Anlage eine Platzartige Wirkung.
Die Glasfenster stammen aus der Werkstatt Kolo Mosers. In den Umgängen finden sich zahlreiche Epitaphe, und in der Unterkirche gibt es insgesamt 40 Grüfte.
Durch diese ebenso großzügige wie repräsentative Ausgestaltung und nicht zuletzt durch die Errichtung eines zentralen Ehrenhaines wurden die Wiener mit der Zeit mit ihrem „Zentral“ versöhnt, sodass dieser gemäß dem Wunsch seiner Erfinder nach und nach zum „eigentlichen Stadtfriedhof“ avancierte.
Mit der Akzeptanz stieg auch die Zahl der Beerdigungen, die sich bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges auf jährlich etwa 19.000 bis 22.000 einpendelte. 1923/24 wurde eine dritte Leichenhalle errichtet. Seither ist die Lage des Grabes dafür ausschlaggebend, in welcher Halle der Leichnam aufgebahrt wird.
Im zweiten Weltkrieg erlebte auch das Reich der Toten eine schwere Zeit. In den letzten Kriegsmonaten fielen 530 Sprengbomben auf den Friedhof. Dabei wurden 12.000 Gräber und 200 Grüfte ebenso zerstört wie die mächtige Kuppel der Gedächtniskirche. Nach Kriegsende hatte die Bestattung zudem rund 4.000 unbeerdigte Leichen zu bergen und zahllose in den Grünanlagen der Stadt verscharrte Tote zu exhumieren.
Inzwischen sind die Wunden verheilt und so erstrahlt der Wiener Zentralfriedhof in neuem Glanz. Jahrzehnte hatte seine Fertigstellung gedauert, Hohn und Spott hatten sich über ihn ergossen. Heute jedoch zählt er zu den Sehenswürdigkeiten dieser Stadt, ist mit seiner Ausdehnung von 2,385.000 m² immer noch einer der größten Friedhöfe Europas, bedeckt ein Areal von der Größe eines mittleren Wiener Bezirkes, und ist mit seinen mehr als 250 Ehrengräbern fast ein österreichisches Pantheon.
Ungefähr 3 Millionen Menschen in mehr als 300.000 Gräbern gewährt der Zentralfriedhof letzte Heimstatt, 170-300 Menschen gibt er Arbeit. Eine Nekropole ungeheuren Ausmaßen, umgeben von unzähligen Steinmetzbetrieben und auf Trauergesellschaften spezialisierten Gasthäusern.
Ein Mal im Jahr aber, zu Allerheiligen und Allerseelen, wird der Zentralfriedhof zum Familienausflugsziel der Wiener und bietet dem erstaunten Betrachter ein höchst zweifelhaft vergnügliches Schauspiel wienerischer Grabesseligkeit, mit all den Blumenstandln, Würstelbuden und Maronibratern vor seinen Toren.
Eine Liste der Ehrengräber und anderen berühmten Beerdigten erspare ich mir hiermit. Diese sind hier übersichtlich einzusehen.
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